Herbert Beck


Dr. Herbert Beck, Schmetterlingsforscher


Als freiberuflicher Wissenschaftler hatte ich ganz besondere Aufgaben zu bewältigen – die Fortsetzung meiner Dissertation »Die Larvalsystematik der Eulenfalter = Noctuidae«, der artenreichsten Schmetterlingsfamilie, die zugleich eine der fünf artenreichsten Familien des Tierreiches ist.

Für die Dissertation (Publikation 1960) konnte ich von dieser Schmetterlingsfamilie von den rund 500 in Deutschland vorkommenden Arten nur knapp die Hälfte erfassen. Es war zwar eine große Leistung. Aber damit Spezialist zu sein zur Bestimmung der Raupen dieser Familie in Mitteleuropa, das gefiel mir nicht. So versuchte ich, nach längerer wissenschaftlicher Pause, ab 1972 möglichst die Raupen aller Arten dieser Familie in Deutschland zu erfassen. Das ging nur durch Kontakte mit Sammlern der benachbarten Länder und so wurde daraus das vierbändige Pionierwerk »Die Larven der europäischen Noctuidae« (Beck 1999-2000) – mit Konsequenzen, die ich mir nie hätte träumen lassen: Konnte ich doch durch larvale Untersuchungen 2009, 2015, 2016 nachweisen, dass die verwandtschaftlichen Verhältnisse bei den verwandten Familien der »Eulen« (z.B. bei den Nolidae s-l.) und bei den »Eulen« selbst von den Schmetterlingsforschern und den Molekular-Systematikern falsch dargestellt werden, die Methoden der Molekular-Systematiker fehlerhaft sein mussten, was schließlich bestätigt wurde – ein später Triumph für die so missachtete Larvalforschung (bei Schmetterlingen).
 
Informationen über meine Arbeit als Lepidopterologe finden Sie unter: dr-beck.net/SCHMETTERLINGE
 

Einiges über die Familie der Eulen (Noctuidae)


nox (Gen. noctis) bezeichnet die Nacht
(Abbildungen sind auf dieser Seite unten zu finden.)

Noctua bezeichnet sowohl den Kauz, wie auch die Nachteule (bei letzterer bleibt offen, ob es sich dabei um den Vogel oder um den Schmetterling handelt). Wissenschaftlich leitet sich der Name Noctuidae vom Typus dieser Familie – von Noctua Linnaeus – ab, von dieser Gattung ist die ›Hausmutter‹ (Noctua pronuba Linnaeus) am bekanntesten. ›Hausmutter‹ bezieht sich darauf, dass die Art als Schmetterling oft unter Gegenständen (z.B. Abstreifer) am Haus gefunden und aufgescheucht wird und dann durch den gelbschwarzen Kontrast der Hinterflügel auffällt und potentielle Feinde (Vögel) erschreckt und davon abhält, gleich zuzugreifen…

Von den (ohne die Alpen) rund 1250 (Groß-)Schmetterlingsarten in Deutschland nehmen die Eulen (Familie Noctuidae) mit rund 500 Arten den Löwenanteil ein. Im Erscheinungsbild sind diese Arten recht verschieden, wie die kleine, hier gezeigte Auswahl mit Conistra vaccinii, Autographa gamma (= Gamma-Eule), Panthea coenobita, Mamestra brassicae (Kohleule), sowie Ordensbänder (Catocala-Arten) andeutet. Diese so unterschiedlich aussehenden Arten sind deshalb Vertreter von Unterfamilien der Noctuidae. Entsprechende Unterschiede finden sich auch bei den Raupen, wie die Beispiele für Conistra vaccinii, Autographa gamma oder Cucullia lactucae zeigen... (letztere ist durch die starken Farben und deren Kontraste zugleich eine Anregung für die Malerei).

Die meisten Noctuidenfalter zeigen auf den Vorderflügeln (die Hinterflügel sind in der Ruhehaltung von ersteren bedeckt) die sogenannte Eulenzeichung: charakteristische Querlinien und deutlich begrenzte Flecken, wie die Nieren- und Ringmakel (eine Zapfenmakel ist bei den hier gezeigten Beispielen weniger deutlich bis fehlend), so bei A. gamma, C. vaccinii und M. brassicae. Bei den beiden letzteren ist auch die Flügelhaltung typisch: die horizontal gehaltenen Vorderflügel sind mit den Flügelaußenkanten fast parallel (zu einem Rechteck) und verdecken unter sich die Hinterflügel. Bei A. gamma werden die Flügel in Ruhe satteldachförmig gehalten; Nieren- und Ringmakel sind auch hier deutlich zu sehen, wenngleich das silbrige ›Gamma‹ dominiert. Diese Art kann übrigens auch bei Tag oft angetroffen werden, wenn sie, wie ein Kolibri, schwebend-schwirrend an Blüten saugt.

Das gemeinsame Band/Merkmal für alle Noctuiden ist die charakteristische Beborstung der Raupen – hier am deutlichsten zu sehen bei der Raupe von A. gamma; bei Conistra vaccinii gut erkennbar auf Grund der kleinen weißen Kreisflecke (›Höfe‹) an der Basis der Borsten. Grundsätzlich gelten die Raupen der Noctuidae zwar für nackt, aber der Körper ist durchaus von wenigen Borsten besetzt, die eine bestimmte und konstante Lage auf dem Rumpf (auch auf dem Kopf) haben und den Kontakt zur Umwelt kontrollieren. Da diese Borsten neural miteinander vernetzt sind, genügt die Berührung einer einzigen Borste, um eine Gesamtabwehrreaktion der Raupe hervorzurufen und sie damit vor dem Angreifer zu retten. Typisch ist z.B. das Sichzusammenrollen und Sichfallenlassen (ins bergende Gestrüpp). Da hierdurch die Überlebenschancen erheblich gesteigert werden, ist das betreffende Borstenssystem außerordentlich stabil und zugleich für die Charakterisierung von Familien geeignet.

Die Imaginalforscher (Wissenschaftler, die nur die Schmetterlinge selbst untersuchen) tun sich wegen der Bedeckung und Verhüllung des Körpers mit Schuppen und Haaren sehr schwer mit einer überzeugenden Charakterisierung der Noctuiden und haben diese deshalb zuletzt in zwei Familien aufgespalten, was auf Grund der Untersuchung der Raupen nicht gerechtfertigt ist.

Man kann sagen, dass es nirgends im Tierreich schwerer ist, Großgruppen (Familien) zu charakterisieren als bei den Schmetterlingen. Zum Glück gibt es aber auf Grund der Entwicklung der Schmetterlinge mit den Stadien Ei, Raupe, Puppe und fertiges Insekt (=Imago) die Möglichkeit, durch die Larval(Raupen)forschung die verwandtschaftlichen Verhältnisse zu klären. Dieser Aufgabe wurde am zoologischen Institut der Universität Erlangen nachgegangen.

Noch ehe ich dort, 1952, zu studieren begonnen hatte, sagte mir mein bester Freund, der spätere Zoologie-Professor Hasenfuß, der mir ein Jahr voraus war: ›Über diese Familie kannst Du Deinen Doktor machen‹ und – ich biss an. Hinterher war mir klar, warum niemand die Bearbeitung dieser Familie übernommen hatte: Es gab keine Raupensammlung an Museen in der Nähe und für die Untersuchung von Sammlungen in Berlin, Wien oder Budapest fehlte mir, als Bettelstudent, das Geld. Meine Kommilitonen (auch Hasenfuß) dagegen bearbeiteten Familien der Kleinschmetterlinge, von deren Raupen es eine bedeutende Sammlung in München (ZSSM) gab.

Im Zusammenhang mit der Fortsetzung meiner Studien und deren Abschluss mit meinem vierbändigen Lebenswerk: Beck, H. 1999/2000 ›Die Larven der europäischen Noctuidae‹ wurde ich dann mit der wissenschaftlichen Bearbeitung verwandter Familien durch Imaginalsystematiker konfrontiert: Auf Grund eines willkürlich gewählten Merkmals, des schiffchenförmigen Puppenkokons, wurde eine ›neue‹, stark erweiterte Familie geschaffen, die Nolidae s.l., die nun auch eine ganze Reihe von Unterfamilien der Noctuidae einbezog. Das ging nicht mit ›rechten Dingen‹ zu. Ich fühlte mich auf die Barrikaden gerufen. Noch mehr, nach dem der betreffende ›Unsinn‹ auch noch durch molekulargenetische Untersuchungen für richtig bestätigt wurde. Meine entsprechenden Untersuchungen beweisen indessen glasklar, dass einerseits das Merkmal des Kokons völlig ungeeignet ist, entsprechendes Material nicht ausreichend zur Verfügung stand und dass (Ironie), wo tatsächlich ein schiffchenförmiger Kokon vorlag (Nycteola, resp. Sarrothripus), es sich um eindeutige Noctuiden handelt. Darüber publizierte ich 2009 und wurde deshalb (2019) zu einem Kongress nach China eingeladen. 2011 erschien eine Publikation über Raupen NO-amerikanischer Noctuiden mit reichem Bildmaterial der Schmetterlinge, Raupen und Puppenkokons. Auch durch dieses Material war sofort klar, dass das Merkmal ›schiffchenförmiger Kokon mit vertikalem Schlupfschlitz‹ nicht aufrecht zu halten war. Aber was konnte ein Systematiker der so missachteten Larvalforschung gegen die hochmoderne Molekularforschung und -systematik ausrichten? 2014 fand in Dresden ein Kongress zur ›Zoologischen Systematik’ statt. Ein bedeutender Forscher, der selbst auch molekulargenetisch arbeitet, verkündete: Wenn eine (zoologische) ›Familie‹ nach körperlichen Merkmalen eindeutig charakterisiert ist, dann muss die Molekulargenetik dies bestätigen. Tut sie das nicht, dann muss diese fehlerhaft sein. Und in der Tat: es konnte nachgewiesen werden, dass die betreffende Software zur Auswertung der Genomanalysen fehlerhaft war. Und das Gleiche gilt für die betreffenden Untersuchungen bei den Nolidae s. l. 2015 hielt ich in Dresden auf dem Kongress der europäischen Schmetterlingskundler (Lepidopterologen, SEL) einen entsprechenden Vortrag, der 2016 publiziert wurde (siehe www.dr-beck.net). Hier im Anhang daraus eine Farbtafel und Zeichnungen zum Borstensystem. Gerade die bei den hier gezeigten Raupen von Autographa gamma und Conistra vaccinii gut erkennbaren Rückenborsten (D1, D2) zeigen auf den ›Abdominalsegmenten (A1– A6) die deutliche Trapezstellung Fig. 1a, 1b), wogegen diese Borsten bei echten Nolidae sich auf einer gemeinsamen Vertikalen befinden Fig. 4a).

Auszug aus der Publikation von 2016, S. 288-298: Zeichnungen und Farbtafel als PDF-Dokument

 
Im Folgenden einige Abbildungen von Eulenraupen und Eulenfaltern, um eine Vorstellung vom Gegenstand meiner über 50 Jahre währenden wissenschaftlichen Tätigkeit zu vermitteln, mit meinem herzlichem Dank an Frau Ingrid Altmann für die wunderbaren Fotografien.


Dieses Foto und Foto oben: die »Gammaeule« (Autographa gamma)

Raupe der »Gammaeule« (Autographa gamma)

»Heidelbeer-Wintereule« (Conistra vaccinii)

Kopf der »Heidelbeer-Wintereule« (Conistra vaccinii)

Das Gesicht eines Eulenfalters...

...und das Gesicht des Waldkauzes. Durch diese Ähnlichkeit der
Gesichter sind die »Eulenfalter« im Jahr 1758 zu ihrem Namen gekommen.

Panthea Coenobita

Panthea Coenobita

Panthea Coenobita - die »Klosterfrau« oder »Hochwald-Fichteneule«

Mamestra brassicae, »Kohleule«

Raupe der Cucullia lactucae

besonders schön und auffällig gefärbt sind die Raupen der
Cucullia lactucae, »Lattich-Mönch«

Raupe der Conistra vaccinii

Catocala nupta, »Rotes Ordensband«, Foto: Wikipedia

Noctua pronuba, »Hausmutter«, Foto: Wikipedia